Grundsätzliches

Kunsthochschule Mainz im Alternate Mode

 

 

Es ist ein merkwürdiger Widerstreit: Sobald man sich derzeit nach draußen begibt, zum Spazierengehen, Joggen oder Einkaufen z. B., wird man von unbeschwerter Aufbruchsstimmung der Natur umfangen. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern…, das passt so gar nicht zu Corona-Krisenmeldungen und den daraus abgeleiteten strengen Vorschriften für unser Leben im Alltag wie auch in der Kunsthochschule Mainz. Für die Allermeisten (nicht direkt betroffenen) ist die Bedrohung durch die Corona-Pandemie eher abstrakt, ja fast unsichtbar; Man könnte von einem anästhetischen Phänomen sprechen. ‚Anästhetik’, so hat es einmal der Philosoph Wolfgang Welsch formuliert, meint jenen Zustand, wo die Elementarbedingungen des Ästhetischen aufgehoben sind.

Diese Aufhebung bringt uns in zwei ganz grundsätzliche Konfliktlagen: Einmal ist es schwierig, seine Verhaltensweisen gegenüber einer kaum spürbaren oder wenig sichtbaren Bedrohung adäquat anzupassen; Zum anderen beschäftigen wir uns in einer Kunsthochschule vor allem mit ästhetischen – im Sinne von unter bestimmten methodischen Vorgehensweisen wahrzunehmenden – Phänomenen, aber diese werden gerade nun von einer anästhetischen Konstellation außer Kraft gesetzt.

Und so zwingt uns die Corona-Pandemie bzw. die Notwendigkeit diese zu bekämpfen nun – noch immer bis auf unbestimmte Zeit – Werkstätten, Ateliers, Ausstellungs- wie Versammlungsräume zu schließen und auf die Durchführung von Kolloquien wie Seminaren zu verzichten, uns also weiterhin auf Distanz zu halten. All jene Räume, in denen es um Wahrnehmung zumeist höchst körperlicher Dinge geht, sind damit nicht mehr nutzbar; Was bleibt, ist auf einen anderen Raum auszuweichen, den Alternate Mode (den Begriff hat die Kunsthochschule ‚Angewandte’ in Wien eingeführt; Doch er trifft die Situation so gut, dass wir ihn auch für die Kunsthochschule Mainz übernehmen).

Was bedeutet dies? Zunächst: Das Semester wird am 20. April gestartet; jedoch lediglich virtuell, auf digitaler Basis unter Einhaltung der Abstands-Regeln, unter Alternate Mode-Bedingungen. Vorträge, Lehrveranstaltungen, Versammlungen, vielleicht sogar Ausstellungen werden wir (zumindest vorerst und soweit möglich) auf digitaler Basis durchführen müssen; Es ist dies der einzige Weg, um gleichermaßen intern in Verbindung wie nach außen sichtbar zu bleiben.

Alternate Mode heißt aber auch, dass wir gerade als Kunsthochschule um die Unzulänglichkeit der medialen Surrogate wissen. Kunst und künstlerische Lehre – so die Überzeugung der Kunsthochschule Mainz – ist (vielleicht mit wenigen Ausnahmen) ohne die Präsenz physischer Materialien, realer Räume und direkten persönlichen Austausches nicht möglich; Körperliche Präsenz ist Essenz künstlerischer Lehre wie künstlerischen Schaffens und lässt sich nicht beliebig virtualisieren. Und auch Lehrveranstaltungen der Kunstbezogenen Theorie und Kunstdidaktik lassen sich, beispielsweise angesichts der Schließung von Ausstellungshäusern und Museen, aber auch Schulen, nicht ohne erheblichen Qualitätsverlust in den digitalen Raum übertragen.

Wenn wir nun dennoch vorübergehend in den Alternate Mode umschalten, dann ist dies der aktuellen Situation geschuldet und damit dem  Wunsch, uns allen, zuvorderst aber natürlich unseren Studierenden, dennoch ein erkenntnisreiches und produktives Semester zu ermöglichen. Grundsätzlich plädieren wir, entsprechend einem Positionspapier der RKK (Rektorenkonferenz der Kunsthochschulen), für ein„Flexibles Semester mit ausschließlich freiwilligen Lehr- und Prüfangeboten“. In jedem Fall gilt es, Regelungen zu finden, die bei eingeschränktem Betrieb den einzelnen Studierenden nicht zum Nachteil gereichen können.

Doch trotz aller Einschränkungen – lassen Sie uns das Semester auch als Chance begreifen und entsprechend nutzen; jenseits der gesundheitlichen Bedrohung und jenseits medizinischer wie ökonomischer Herausforderungen. Werden wir nicht gerade Zeuge, wie mit atemberaubendem Tempo grundlegende Werteverschiebungen und Perspektivwechsel vorgenommen werden ­– die auch Gegenstand der Kunst sind? Lassen Sie uns gemeinsam das Semester auch dafür nutzen, dies mit den uns eigenen Mitteln zu reflektieren! Dazu gehört auch, mit der Situation zu experimentieren, neue Wege und Formate zu probieren! Dabei bin ich jedoch überzeugt, dass uns diese Krise auch die Chance bietet, neu zu sehen, welche fundamentale Rolle physische Präsenz für Kunst und künstlerische Lehre einnimmt; und nicht zuletzt darüber nachzudenken, welche gesellschaftlichen und politischen Implikationen das Umschalten unseres kommunikativen Miteinanders auf das Digitale hat.

Auch wenn unser Haus in den nächsten Wochen leer bleiben muss, die Kunsthochschule selbst wird nicht still stehen. Und nach der Krise, angereichert mit den Erfahrungen des Alternate Mode, werden wir ins pralle Leben der Kunsthochschule Mainz zurückkehren und dies – wahrscheinlich stärker als zuvor – wertzuschätzen wissen.

Martin Henatsch
(Rektor Kunsthochschule Mainz)
14.4.2020